Die Zeit des Morgengebets und des Imsāks in Deutschland

Verfasst von Dr. Khaled Hanafy*

Viele Muslime in Deutschland fragen nach der korrekten Zeit des Morgengebets und des sog. Imsāks – dem Ende der Essenszeit vor dem Beginn des Fastens. Sollte zwischen dem Morgengebet und dem Imsāk vorsichtshalber eine Zeitspanne eingehalten werden? Ist eine solche Zeitspanne islamrechtlich überhaupt notwendig?

  • Wie also verhält es sich mit den verschiedenen Berechnungsmethoden für die Zeit des Morgengebets, respektive der Imsāk-Zeit? Eine berechtigte Frage, liegen bisweilen bei diversen Gebetszeitenkalendern Diskrepanzen von bis zu einer Stunde vor!

Vorab: In den meisten europäischen Städten ist der Fastentag lang, seine Nacht kurz, und das islamrechtliche Zeichen für den Eintritt der Zeit des Nachtgebets bleibt aus, wie auch das Zeichen für den Eintritt des Morgengebets.

Die meisten arabischen Moscheen berechnen die Nacht- und Morgengebetszeit basierend auf dem Berechnungswinkel von 18°. Das Nachtgebet fällt hierbei auf ca. 24:00 Uhr – das Morgengebet begänne bereits drei Stunden danach. Eine kleine Minderheit von Moscheen berechnen die Nacht- und Morgengebetszeit basierend auf dem Berechnungswinkel von 15°.

Die große Mehrheit der Moscheen, überwiegend türkische Gemeinden, verwendet zur Berechnung des Nacht- und Morgengebets einen Winkel von 13°. Dieser hat zur Folge, dass das Morgengebet im Verhältnis zu 18° ca. eine Stunde später, das Nachtgebet ca. eine Stunde früher verrichtet wird.

Antwort

Die Gradzahlen, anhand derer die Gebetszeiten berechnet werden, sollen primär einen Wert zur Vereinheitlichung der Gebetszeiten gewährleisten. Weder gibt es Quranverse noch Ahadith, die eine bestimmte Gradzahl festlegen. Auch gibt es keinen Scharia-rechtlichen Beleg, der einen auf die Minute exakten Zeitpunkt für das Gebet festlegt. Bei der Berechnung der Gebetszeiten dieser Jahreszeit handelt es sich in den meisten deutschen Städten vielmehr um auf Iǧtihād (die Bemühung um ein eigens Urteil) basierende Schätzungen.

So ist ein Symposium zur Berechnung der Gebetszeiten, das am 12. März 2016 in Berlin tagte und vom Fatwa-Ausschuss-Deutschland organisiert wurde, zu dem Ergebnis gekommen, dass alle Winkel von 12° bis 19° zur Berechnung des Nacht- und Morgengebets islamrechtlich statthaft sind. Ebenso konstatierten die geladenen Rechtsgelehrten, dass die Zeit des Imsāks der des Morgengebets entspricht und die Zeit des Abendgebets der des Fastenbrechens.

Diese Auffassung wird gestärkt durch die folgenden authentischen Überlieferungen, die auf die tatsächliche Flexibilität im Umgang mit der Zeit des Saḥūr (Mahlzeit im Ramadan, die vor dem Morgengebet eingenommen wird), respektive des Morgengebets hinweisen. Dieser Umstand ist für den hiesigen Breitengrad von besonderer Relevanz, da die Anfangszeit des Morgengebets unbekannt und die Nacht sehr kurz ist.

Sollte der Fastende während des Saḥūr feststellen, dass es bereits am hell werden ist, braucht er nicht an seinem Fasten zweifeln:

  1. Zirr ibn Ḥubaiš überlieferte: „Ich sagte zu Ḥuḏayfa: „Zu welcher Stunde habt ihr mit dem Gesandten Allahs, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, die Mahlzeit des Saḥūrs verrichtet?“ Er sagte: „Es war Tag, außer dass die Sonne noch nicht aufgegangen war“. Ṣaḥīh, überliefert von Aḥmad, An-Nasāʾī und Ibn Māǧah.
  2. Der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, motivierte dazu, das Morgengebet bis zum Sonnenaufgang zu verschieben und sagte diesbezüglich: „Verschiebt das Morgengebet bis der Faǧr deutlich wird, denn dafür gibt es eine mächtigere Belohnung.“ Überliefert von Aḥmad und ʾAṣḥābu s-Sunan, und die Richtigkeit wurde von At-Tirmiḏī bestätigt. Der Interpretation der Hanafiten zufolge ist der im Hadith genannte ʾIsfār das sich Verbreiten des Lichts.
  3. Im Tafsir wurde bezüglich des „weißen Fadens (Al-Ḫayṭul-ʾabyaḍ)“ gesagt: Er ist die gespaltene Farbe des Morgens.
  4. IbnʿAbbās sagte (in Bezug auf Saḥūr): „Iss solange du Zweifel hast, bis du keinen Zweifel mehr hast.“ Mit „Zweifel“ ist die Ungewissheit gemeint, ob schon die Morgendämmerung und damit das Morgengebet begonnen haben.
  5. Maʿmar pflegte es, den Saḥūr (bis zur Morgendämmerung) zu verschieben und zwar so sehr, bis der Unwissende sagte: „Er hat kein (gültiges) Fasten mehr.“

Der Fatwa-Ausschuss in Deutschland arbeitet gemeinsam mit islamischen und einschlägigen astronomischen Institutionen daran, für die Muslime Deutschlands eine einheitliche Berechnung der Gebetszeiten herauszugeben. Bis dahin steht es jeder Moschee selbstverständlich frei, die gewohnte Ordnung für die Festlegung der Gebetszeiten beizubehalten. Wobei wir empfehlen möchten, dass die Methode zur Berechnung der Gebetszeiten derart gewählt wird, dass sie mit einer Erleichterung für die Fastenden einhergeht.

Es ist demnach statthaft, sich an den Imsāk-Zeiten der türkischen Gemeinden zu orientieren und entsprechend dieser zu fasten. Wobei diese Zeiten dann auch über den Ramadan hinaus für das persönliche Gebet verwendet werden müssen. Damit gehen folgende Erleichterungen einher:

  1. Eine Stunde weniger Fasten
  2. Verlängerung der Nacht um eine Stunde
  3. Übereinkunft mit der Mehrheit der Muslime im Gebet und dem Fasten (türkischstämmige Muslime machen ca. 60% der Muslime Deutschlands aus)
  4. Abkehr von fragwürdigen Fatwas (Rechtsgutachten), die authentischen und eindeutigen Texten widersprechen (z.B. die Empfehlung, sich in Bezug auf das Fasten an Mekka zu orientieren, was in den meisten Städten Deutschlands einen 18 Stündigen Fastentag zur Folge hat).

Ich empfehle eindringlich der Gesamtheit der Muslime in all jenen auf Iǧtihād beruhenden Fragestellungen, sich bei unterschiedlichen Auffassungen nicht gegenseitig des Unrechts zu beschuldigen. Die gesegnete Atmosphäre des Ramadans und die besondere Spiritualität während der Gottesdienste insgesamt sollten nicht durch Feindseligkeit, Streit und Zwiespalt gestört werden.

Möge Allah euren Gehorsam Ihm gegenüber annehmen und es euch jedes Jahr gut gehen lassen.

Unser Herr, belange uns nicht, wenn wir vergessen haben oder Fehler begehen.

Dr. Khaled Hanafy
Vorsitzender des Fatwa-Ausschusses in Deutschland, Mitglied des ECFR

*Es handelt sich hierbei um eine Übersetzung aus dem Arabischen