Alternativ zur ausführlichen, schriftlichen Ausarbeitung zum Thema, hier zwei Khutbas, die ebenso die Statthaftigkeit der Berechnung des Ramadaan behandeln:


Argumentation bezüglich der Statthaftigkeit der Berechnung des Ramadans

Vorwort

Dies ist eine sinngemäße Wiedergabe eines Textes, der im Buch „Approaching the Sunna“ von Jusuf Al-Qaradawi (The International Institute for Islamic Thought, 2006, Seiten 145-155) enthalten ist. Sinngemäß deswegen, weil der englische Text stellenweise selbst ein wenig holperig erscheint. Dennoch liefert er uns in diesen Tagen benötigte Argumentationen und Hintergrundinformationen zu einer Debatte, deren Ende aufgrund der zahlreichen negativen Auswirkungen zu wünschen ist.

Die Übersetzung ist dankenswerterweise von Linda Irinja Hyökki übernommen worden.

Die Mondsichtung als Methode zur Festlegung der Monate

In der Diskussion über die Mondsichtung spielt folgender authentischer Hadith eine große Rolle: Ibn 'Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) berichtete, dass Allahs Gesandter (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) bezüglich des Ramadan sagte: „Wenn ihr ihn (den Neumond) gesehen habt, dann fastet und wenn ihr ihn gesehen habt, dann brecht das Fasten. Wenn er vor euch bedeckt wurde, so schätzt (berechnet) ihn.“ (Buchari und Muslim) In einer anderen Version heißt es: „(...) Und wenn er (der Neumond) vor euch bedeckt wurde, dann vervollständigt ihn (den Monat Scha'ban) auf dreißig.“ (Buchari und Muslim)

Es ist zu verstehen, dass dieser authentische Hadith sowohl ein Ziel festsetzt als auch auf die Methode, die zum Erreichen des Ziels nötig ist, hinweist. Das Ziel an sich wird aus dem Hadith klar: Die Gläubigen mögen alle Tage des Ramadan fasten, ohne einen Fastentag vom Anfang oder vom Ende des Monats zu verpassen und ohne einen Tag des vorherigen Monats (Scha'ban) oder des nächsten Monats (Schawwal) dazu zu fasten. Dieses Ziel kann dann erreicht werden, wenn man den Beginn und das Ende des Fastenmonats mithilfe einer Methode bestätigt, die für die Mehrheit in der Gemeinschaft ausführbar ist, sie nicht mit Schwierigkeiten belastet oder sie in ihrer Religionsausübung hindert.

Die Mondsichtung mit bloßem Auge war eben diese Methode, welche die Muslime zu den Zeiten des Propheten (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) leicht anwenden konnten. Dies ist der Grund, warum die jeweiligen Hadithe die Sichtung als Methode definieren. Da die Muslime damals im Schreiben und in der Mathematik ungebildet waren, hätte es ihnen Schwierigkeiten bereitet, wenn sie laut der Überlieferung den Monat mit einer anderen Methode – zum Beispiel mithilfe von Berechnungen – hätten festlegen sollen. Allahs Wunsch ist es, dass Seine Diener keine Schwierigkeiten, sondern Erleichterungen haben. Der Prophet (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) sagte über sich selbst: „Wahrlich, Allah hat mich zu euch mit einer leichten Lehre geschickt und nicht um euch zu bekümmern.“ (Muslim)

Aber was wäre, wenn eine andere Methode als passender zum Erreichen dieses Ziels (zur Festlegung der Monate) und als weniger fehlerhaft – da sie nicht auf Vermutungen basiert, wahrgenommen wird? Und was wäre dann, wenn die Gemeinde der Muslime diese Methode leicht anwenden könnte, aufgrund des erreichten Fortschritts in der Astronomie, Geologie und Physik? Wenn der Mensch sogar dazu fähig ist, auf dem Mond zu landen, seine Oberfläche zu untersuchen und Proben von seinem Gestein und dem Boden zu sammeln; warum sollten wir dann an der Methode aus dem Hadith festhalten - und die Methode ist nicht an sich beabsichtigt - und vergessen, worauf der Hadith eigentlich abzielt?

Laut den Überlieferungen wird der Monatsanfang festgelegt, wenn ein bzw. zwei Augenzeugen den Neumond sichten, in einer Zeit, in welcher diese Methode damals für die muslimische Gemeinde praktikabel war. Warum sollte man aber auf eine Methode verzichten, die nicht fehlerhaft oder irrtümlich ist und auch nicht auf Vermutungen basiert, sondern ein definitives, sicheres und auf Tatsachen beruhendes Ergebnis ermittelt? Eine Methode, mit der man die muslimische Gemeinschaft dadurch vereinen könnte, dass die sich wiederholenden Unstimmigkeiten über das Fastenbrechen und den Eid-Tag aufgehoben werden können.1 Man kann dies nicht nachvollziehen, weder religiös noch sonst-wie logisch, wenn man bedenkt, dass in dieser Angelegenheit bekanntermaßen nur eine Partei recht haben kann.

In der heutigen Zeit ist die Berechnung sicherlich die anzuwendende Methode zur Festlegung des Mondkalenders. Man muss dies unter der Überschrift „bevorzugte Analogie“ (Al- Qiyaas Al- Uulaa) vor dem Hintergrund annehmen, dass die Sunna uns die Anwendung islamisch zulässiger Methoden erlaubt. Die Mondsichtung mit bloßem Auge bringt als Methode Unsicherheit und Deutungsbedarf mit sich, und sie kann nicht vor einer anderen Methode bevorzugt werden, die insgesamt besser und geeigneter zur Zielerreichung ist. Dies ist besonders dann zu beachten, wenn die Umma durch Anwendung dieser Methode von großen Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Anfangs und des Endes vom Monat Ramadan befreit werden kann, und die ersehnte Einheit in den geteilten Symbolen und gottesdienstlichen Ritualen ermöglicht wird.

Der berühmte Gelehrte und Hadithwissenschaftler Ahmad Muhammad Shaakir (Allahs Segen auf ihn) ist mit anderen Argumenten zum selben Urteil (dass der Mondkalender mithilfe astronomischen Berechnung festgelegt werden sollte) gelangt. Seine Argumentation beruht auf der Tatsache, dass die Vorschrift bezüglich der Mondsichtung von einem Rechtsgrund (d.h. die fehlende Bildung) abhängig ist, der selbst in der Sunna erwähnt wird. Wenn der Rechtsgrund in der heutigen Zeit nicht mehr vorhanden ist, ist es folgerichtig, die darauf aufbauende Aufforderung zurückzuweisen. Dies weil es ein festbegründetes Prinzip ist, worüber auch Konsens herrscht, dass Vorschriften mit ihren zugrunde liegenden Ursachen einhergehen; ist die Ursache vorhanden, dann auch das darauf begründete Urteil, wie auch umgekehrt. Um dies zu verdeutlichen, zitieren wir am besten aus dem Essay Schaikh Ahmad Muhammad Shaakirs Awa'il al-Shubur al-Arabiyyah:

„Es ist ohne Zweifel, dass die Araber vor dem Islam und in der Frühzeit des Islams über keine Kenntnisse in der Astronomie oder in anderen Wissenschaften verfügt haben. Sie waren ein analphabetisches Volk, welches weder schrieb noch Kenntnisse in der Mathematik hatte. Wenn jemand etwas in diesem Feld wusste, so hatte er nur sehr einfaches, bruchstückhaftes Wissen. Er hatte es sich durch Beobachtung, Nachahmung oder vom Hörensagen angeeignet. Diese Kenntnisse hatten keine mathematische Grundlage oder basierten nicht auf Grundsätze sicherer Theorien. Aus diesem Grund griff Allahs Gesandter (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) darauf zurück, die Festlegung der Monate durch die Mondsichtung mit bloßem Auge zu bestimmen, da (nur) dies den Muslimen damals möglich war. Im Rahmen ihrer damaligen begrenzten Möglichkeiten bedeutete dies das größtmögliche Maß an Gewissheit. Und Allah teilt keinem eine Last zu, die er nicht tragen kann.

In Bezug auf die Vorschriften der Scharia kann man sagen, dass es damals nichts gab, was die Berechnung oder die Astronomie als Methode verlangt hätte. Viele waren nomadische Beduinen, und Nachrichten aus den Großstädten haben sie nur gelegentlich erreicht, wenn sie sich in den Gebieten unweit von den Städten aufhielten, und dies war nur unregelmäßig. Hätte der Prophet (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) die Berechnung und die Astronomie als Mittel für die Festlegung der Monate bestimmen wollen, hätte er somit die Muslime überfordert. Neuheiten (wie die astronomische Berechnung) waren bis auf Wenigen unter ihnen unbekannt und dies auch nur vom Hörensagen, wenn überhaupt. Und sogar die Bewohner von Großstädten haben solche Kenntnisse nur dann gehabt, wenn sie sie durch Nachahmung von den meist jüdischen oder christlichen Mathematikern gelernt haben.

Dann kam die Zeit, in der die Muslime die Welt erobert haben und in den Wissenschaften das Zepter übernahmen. Sie haben ihre Kenntnisse und Kompetenzen in allen Wissenschaften, Künsten und Handwerken erweitert, sie übersetzen wissenschaftliche Werke ihrer Vorgänger und taten sich hierin hervor. Sie haben auch viel geforscht, Neues entdeckt und haben ihr Wissen für die nächsten Generationen bewahrt. Unter diesen Kenntnissen waren auch die Astronomie und die Berechnung der Sterne. Von den Juristen oder Hadithwissenschaftler haben damals viele nur grundlegende oder gar keine Kenntnisse in der Astronomie gehabt. Viele haben auch denjenigen nicht vertraut, die sich mit der Astronomie beschäftigt haben. Stattdessen haben einige die Astronomie als Ketzerei verurteilt und waren der Meinung, dass die Beschäftigung mit ihr dazu führen würde, dass man behauptet, durch Sterndeuterei das Unsichtbare erfahren zu können. Einige, die meinten, Astronomie auszuüben, haben dies auch getan, und es hat nicht nur ihnen geschadet, sondern auch der Wissenschaft, die sie zu betreiben vorgaben. Tatsächlich gab es sogar einige muslimische Juristen, welche diesen Missbrauch entschuldigt haben. Die Juristen und Gelehrten, die diese Wissenschaften gekannt haben, konnten für sie keine gut fundierte Stellung in der Religion oder im islamischen Recht definieren. Vielmehr haben sie auf sie verwiesen als etwas, dass vermieden und gefürchtet werden sollte.

Dies war also die Situation. Die kosmologischen bzw. astronomischen Wissenschaften waren nicht so verbreitet wie die religiösen Wissenschaften. Die Gelehrten waren auch der Meinung, dass im Vergleich zu den Religionswissenschaften die Basis dieser Wissenschaften nicht definitiv begründet war.

Allahs großartiges und weiträumiges Gesetz wird auf Erden Bestand haben, solange Er das Leben auf der Erde belässt. Die Rechtsprechung des Islams erlässt Urteile für jedes Zeitalter, jeden Umstand und für jede Gemeinde. Aus diesem Grund finden wir im Koran und in der Sunna Hinweise dafür, welche Angelegenheiten, mit denen sich das islamische Recht befasst, erneuerungsfähig sind. Und wenn solche Angelegenheiten sich ergeben, dann werden sie erkannt, verstanden und erklärt werden, auch wenn unsere Vorgänger diese Angelegenheiten damals anders auffassten und erklärten.

Das bis hierhin Diskutierte ist in der authentischen Sunna thematisiert worden. So hat Al-Bukhari von Ibn 'Umar berichtet, dass der Prophet (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Wir sind ein analphabetisches Volk, wir schreiben und rechnen nicht. Der Monat ist (er gestikulierte mit seiner Hand) so und so, dass heißt, manchmal hat er 29 Tage und manchmal 30 Tage.2“ Dieser Hadith wurde von Maalik in Al-Muwatta3 berichtet. Al-Bukhari und Muslim sowie auch andere haben den Hadith in einer anderen Version berichtet: „Der Monat hat 29 Tage, also fastet nicht, bis ihr den Neumond seht; und brecht nicht das Fasten, bis ihr ihn seht. Wenn er für euch aber unklar ist, so schätzt (bzw. berechnet).“

Die frühen Gelehrten haben die Bedeutung dieses Hadiths richtig erklärt, aber sie lagen falsch mit der Auslegung. Als Beispiel dafür dient die Meinung von Al- Hafiz Ibn Hajar4: „Die beabsichtigte Bedeutung des Begriffs „Berechnung“ (Al- Hisaab) ist die Berechnung der Sterne und ihrer Bewegungen. Damals gab es dazu allerdings kaum Kenntnisse. Deswegen ist das Gebot zum Fasten, wie auch andere Gebote, abhängig von der Mondsichtung mit bloßem Auge, um ihnen die Last bezüglich der Kenntnis über die Sternbewegungen abzunehmen. Und dieses Gebot war gültig trotz der Tatsache, dass einige Menschen doch Kenntnisse über die Sternbewegungen gehabt haben. Dennoch ist das Gebot nicht von der Berechnung abhängig, sondern vielmehr von der Mondsichtung. Es ist klar, dass der Prophet (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Und wenn er für euch unklar ist, dann fastet 30 Tage“, er hat nicht gesagt „dann fragt die Astronomen.“ Die Weisheit dahinter ist, dass wenn die Mondsichel nicht klar zu sehen war, die Zahl der Fastentage dieselbe war für alle Muslime, die zum Fasten fähig waren, und so herrschten keine Unstimmigkeiten. Eine Gruppe jedoch, die Rafidis5, haben aber die Auffassung vertreten, dass man die astronomische Berechnungen hinzuziehen sollte. Dies ist von einigen Rechtsgelehrten überliefert worden. Al-Baaji hat diesbezüglich aber gesagt: „Die Konsens der rechtschaffenen Vorgänger ist ein Beweis gegen sie.“ Und Ibn Baziezah sagte: „Diese Lehre ist ungültig. Das Gesetz hat es verboten sich eingehend mit den Wissenschaften der Sternen zu befassen, weil dies auf Vermutungen und Raterei beruht; keinerlei Sicherheit ist aus der Wissenschaft der Sterne zu ziehen und Vermutung kann nicht Sicherheit ersetzen, wenn es um juristische Entscheidungen geht. Außerdem: Wenn das Gebot im Hadith (auf Astronomen) beschränkt ist, dann wäre es eine Eingrenzung, da nur einige wenige Kenntnisse in der Astronomie haben.“

Diese Erklärung ist in dem Sinne richtig, dass der Hadith eine deutliche Betonung auf die Mondsichtung (und nicht auf die Berechnung) als Methode legt. Aber wenn gefordert werden sollte, dass auch wenn eine Person die Berechnung beherrscht, die Vorschrift zum Fasten allein von der Mondsichtung abhängig bleibt, so wäre diese Auslegung des Hadiths in dem Fall nicht richtig. Sie ist fehlerhaft, weil die Vorschrift, allein auf die Mondsichtung zu vertrauen, abhängig von dem expliziten Rechtsgrund im Hadith ist, nämlich dass die Muslime eine analphabetische Gemeinde waren, welche nicht schrieb und (be-) rechnete. Jedoch geht eine Ursache mit ihrem Effekt einher. Ist sie anwesend, so auch der Effekt und umgekehrt. Wenn eine Gemeinde nun aus ihrem Analphabetismus heraus kommt und schreib- und rechenkundig wird; wenn es unter ihr solche gibt, welche die Astronomie beherrschen, wenn es für die Allgemeinheit wie auch der intellektuellen Elite dieser Gemeinde möglich ist, zu einem definitiven, sicheren Ergebnis durch die astronomische Berechnung zu gelangen, welchem genauso oder mehr als der Mondsichtung vertraut wird, wenn sie sich soweit gebildet hat, dass der oben genannte Rechtsgrund (Analphabetismus) nicht mehr vorhanden ist, so ist es für sie eine Pflicht auf etablierte, sichere Ergebnisse (der astronomischen Berechnung) zurückzugreifen, und zwar ausschließlich auf diese (ohne zusätzlichen Versuch, den Neumond zu sichten.) Allerdings ist dies nicht anzuwenden, wenn nicht über die dazu benötigten Hilfsmittel verfügt wird, beispielsweise, wenn man sich z.B. in einem Dorf oder in der Wüste aufhält oder man keinen Zugang zu vertrauenswürdigen Berechnungsergebnissen hat.

Wenn es eine Pflicht ist, nur die Berechnung anzuwenden, (vorausgesetzt, dass der Rechtsgrund, auf dem die Mondsichtung als Methode basierte, nicht mehr aktuell ist) dann ist es auch verpflichtend, genaue Berechnung einzubeziehen, welche mit den entsprechenden Instrumentarien durchgeführt werden müssen. Weiterhin ist es auch eine Pflicht für die Muslime, dass sie die Möglichkeit der Sichtung ablehnen, wenn diese nicht vorhanden ist, denn ein neuer Monat fängt erst dann an, wenn nach dem Sonnenuntergang die Mondsichel ganz verschwunden ist – auch wenn dies nur durch eine einzige Sichtung bestätigt wurde.6

Meine persönliche Meinung, dass die Vorschrift je nach den Umständen der von der Vorschrift betroffenen Menschen variiert, ist keine Erneuerung in den Rechtswissenschaften. Diese Meinung ist tatsächlich im Recht fundiert und Gelehrte sowie Andere kennen sie. Ein gutes Beispiel eben dafür ist unsere Diskussion des Hadiths: „Wenn es euch unklar ist, dann schätzt (bzw. berechnet).“ Dieser Hadith hat auch andere Versionen. Eine von diesen lautet: „Und wenn es euch unklar ist, dann vervollständigt die Anzahl auf 30 Tage“. Die Gelehrten haben die Version „dann berechnet“ mit der folgenden Version weiter erläutert: „dann vervollständigt die Anzahl“. Jedoch hat der berühmte Imam der schafi'itischen Rechtsschule - er war tatsächlich der Imam seiner Zeit- Abu Abbas Ahmad ibn Suraydsch7 diese zwei Versionen in Übereinstimmung gebracht indem er erklärte, dass sie auf unterschiedliche Umstände hinweisen. Er argumentierte, dass mit „berechnen“ gemeint ist, dass man die Tage der Mondphase entsprechend berechnen sollte, und dass Allah dieses Gebot an die Menschen gerichtet hat, welche die dafür benötigten Kenntnisse in der Astronomie haben. Und so ist das Gebot „dann fastet volle 30 Tage“ an die Menschen gerichtet, welche die Astronomie nicht kennen.8

Ich bin mit Ibn Suraydsch derselben Meinung (dass die Berechnung statthaft ist), außer dass er sie nur für den Fall vorgesehen hat, dass eine Sichtung nicht möglich ist. Weiterhin sieht er die Bestimmung des Ramadans anhand von astronomischen Berechnungen nur für wenigen Kenntnisreichen vor, was damit zusammenhängt, dass es von diesen nur wenige gab und sich Nachrichten damals von Gebiet zu Gebiet nur langsam verbreitet haben.

Ich persönlich plädiere grundsätzlich dafür, dass die Allgemeinheit eine präzise und vertrauenswürdige Berechnung als Methode anwendet, um den Ramadan zu bestimmen. Und dies basierend darauf, dass dies für die Menschen in der heutigen Zeit ist, auch weil sich Informationen heutzutage schnell und flächendeckend verbreiten. Der Verlass auf die Mondsichtung mit bloßem Auge bleibt als Vorschrift für einige seltene Umstände, wenn es um Menschen geht, die keinen Zugang zu Nachrichten haben und keine Methode kennen, die auf die Astronomie beruhen würde. Ich finde, dass diese Rechtsauffassung die gerechteste unter den anderen Auffassungen ist und die zu diesem Thema überlieferten Hadithe am meisten mit Verständnis umfasst.“9

Das hat Sheikh Shaakir vor mehr als einem halben Jahrhundert (Dhu Al- Hidscha 1357 n.H./ Januar 1939) geschrieben. Damals war die Astronomie noch nicht so weit entwickelt, wie sie es heutzutage ist. Sie hat es den Menschen ermöglicht in das Weltall zu fliegen und auf dem Mond zu landen. Diese Wissenschaft hat ein solches Niveau von Genauigkeit erreicht, dass gemäß einer Aussage die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers in einer Berechnung so klein ist, wie eine hunderttausendstel Sekunde.

Sheikh Shaakir verfasste dies, und er war vor allem ein Verfechter der Schule des Hadith und der Aathaar (Überlieferungen im allgemeinen Sinne). Er hat sein Leben den Hadithen und der Sunna gewidmet. Er war ein reiner Salafi, jemand der folgte und nicht erneuerte. Trotzdem verstand er nicht, dass die Salafiyyah ausschließlich daraus besteht, was unsere rechtschaffene Vorgänger (As- Salaf) vor uns gesagt haben. Im Gegenteil spricht die Salafiyyah dafür, dass wir ihre Methoden und ihren Geist annehmen und in unseren Zeiten so streben, wie sie damals auch in ihren Zeiten strebten. Die Salafiyyah spricht auch dafür, dass wir unserer Realität mit unserem Wissen und Geist begegnen, nicht mit ihrem. Dabei mögen wir nur an das klare und eindeutige des islamischen Gesetzes, seinen Zielsetzungen insgesamt und den Urteilen seiner Texte gebunden sein.

Ich habe in Ramadan 1409/1989 einen längeren, von einem berühmten Sheikh10 geschriebenen Artikel gelesen, in dem er über den authentischen Hadith spricht: „Wir sind ein analphabetisches Volk, wir kennen nicht das Schreiben oder das Rechnen.“ Er argumentiert, dass dieser Hadith das Rechnen als eine Praktik abweist und diese zu missbilligen ist. Wenn dies stimmen würde, so täte der Hadith ebenfalls das Schreiben missbilligen und es zurückweisen. In dem Hadith sind das Schreiben und das Rechnen als Kennzeichnen für den Analphabetismus der muslimischen Gemeinschaft genannt. Niemand hat in der Geschichte oder in der heutigen Zeit gesagt, dass diese Kompetenzen für die Muslime nicht erwünscht seien. Vielmehr ist das Schreiben etwas, wonach die Muslime streben sollten; dies wird im Koran, in der Sunna und im Konsens (Ijma') dargelegt. Der Erste, der die Initiative zur Förderung des Schreibens unter den Muslimen ergriffen hatte, war der Prophet (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm), wie es aus seiner Biografie, beispielsweise aus seinem Verhalten gegenüber den Gefangenen der Schlacht Badrs, deutlich wird.

Unter den Argumenten in der Diskussion ist, dass der Prophet (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm) es uns nicht erlaubt hätte, unser Handeln auf die Berechnung zu stützen. Dies stimmt aber nicht. Er hat uns nur geboten, die Mondsichtung zu respektieren und sie zur Festlegung des Monatsanfangs als Methode anzunehmen. Die besagte Meinung ist fehlerhaft und verzerrt in zweierlei Hinsicht:

Erstens ist es nicht logisch, dass Allahs Gesandter die Berechnung als Methode für die damaligen Muslime bestimmt hätte. Die Muslime konnten damals weder schreiben noch rechnen, also hat er für sie eine Methode bestimmt, die in diesen Umständen anwendbar war. Die Mondsichtung mit bloßem Auge war die am leichtesten zu realisieren Methode für die meisten Menschen zu seiner Zeit. Dennoch, wenn eine Methode gefunden wird, die sicherer ist und nicht auf Vermutungen basiert, gibt es nichts in der Sunna, was die Anwendung dieser besseren Methode verbieten würde.

Zweitens weist die Sunna die Anwendung der Berechnung als Methode im Falle einer unklaren Situation an, d.h., wenn der Himmel bewölkt ist. Dies hat auch Al-Bukhari in Kitab al-Saum und in Dschami As-Sahih berichtet. Die Überlieferungskette dieses Hadithes ist die als „Goldene Überlieferungskette“ berühmt gewordene: Von Malik über Nafi über Ibn Umar zum Propheten (der Friede und der Segen Allahs seien auf ihm), der den Ramadan erwähnte und sagte: „Fastet nicht, bis ihr den Neumond seht; und brecht nicht das Fasten, bis ihr ihn seht; Wenn er vor euch bedeckt wurde, so schätzt (berechnet) ihn.11

Dieses „berechnen“ ist die Vorschrift. Es ist möglich, dass der Verlass auf die Berechnung in dieser Vorschrift die Personen betreffen sollte, die sie durchführen können. Diese Berechnung beruhigt die Gemüter, denn in unserer Zeit gehört sie zu den etablierten und definitiven Angelegenheiten. Dies ist jedem bekannt, der die minimalen Kenntnisse über den heutigen Stand der Wissenschaften besitzt, jedem, den Allah lehrte, was er zuvor nicht wusste.

Ich habe schon seit mehreren Jahren dafür plädiert, dass die Muslime die Berechnung als Methode zur Festlegung der Monate annehmen mögen. Und dies zumindest in dem Fall, in dem die Mondsichtung fragwürdig ist. Auf diese Weise können die jährlich auftretenden großen Meinungsunterschiede bezüglich des Fastenanfangs und dem Zeitpunkt der Eid–Feier vermieden werden. In den schlimmsten Fällen hat es zwischen den islamischen Ländern Abweichungen von drei Tagen gegeben. Mit der Fragwürdigkeit der Mondsichtung meine ich, dass man weiterhin Mondsichtung anwenden sollte, aber falls die Berechnung die Sichtung unmöglich erklärt – d.h. wenn die Berechnung ermittelt, dass der Neumond in der islamischen Welt gar nicht zu sehen sein kann, so darf man den Aussagen über die Mondsichtung keinen Glauben schenken, da die Realität, welche wissenschaftlich berechnet wurde, diese Sichtungen für unmöglich erklärt, da der Neumond erwiesenermaßen noch gar nicht geboren wurde. Es ist in diesen Umständen gar nicht nötig, die Sichtung zu begehen, Zeugenaussagen diesbezüglich anzunehmen oder ein Fatwa- Komitee zu diesem Zeitpunkt einzuberufen, welches solche Aussagen entgegennehmen würde.

Von der obigen Meinung war ich überzeugt und habe sie in in vielen Vorträgen und Fatwas vertreten. Dann wollte es Allah, dass ich diese Rechtsauffassung kommentiert und detailliert in einem Werk des berühmten Juristen der schafi'itschen Rechtsschule Taaqi al-Diin al-Subki (gest.756 nach Hijra) vorfand. Über ihn wurde gesagt, dass er die Stufe Idschtihad erreichte. Er hat in seinen Fatawa (Rechtsgutachten) gesagt, dass falls die Berechnung die Möglichkeit einer Mondsichtung für unmöglich erklärt, Richter dazu verpflichtet wären, jede Aussage über die Mondsichtung abzulehnen. Dies „weil die Berechnung definitiv ist und Aussagen mutmaßlich sind und das Mutmaßliche kann nicht dem Definitiven gleichkommen, geschweige denn höhergestellt sein.“ Er ist der Meinung, dass die Richter die Aussage eines Zeugen immer anhören sollten, wenn sie aber vorfinden, dass andere Erkenntnisse diesen Aussagen widersprechen, die Richter die Aussage ablehnen und nicht mehr berücksichtigen sollten. Er sagte: „Um etwas zu beweisen, muss die Tatsache als möglich, wahrnehmbar, begründet und rechtmäßig bezeugt werden können. Wenn die Berechnung die Mondsichtung zweifellos als unmöglich erklärt wird, wird sie auch so beurteilt, da sie eine Absurdität ist und das Gesetz keine Absurditäten hervorbringt.12

Im Gegensatz zu einer mathematischen Berechnung kann eine Aussage eines Augenzeugen als eine Vermutung, irrtümlich oder als falsch interpretiert werden. Was hätte As- Subki gesagt, wenn er in unserer Zeit gelebt hätte und die Vorteile gesehen hätte, die wir aus der Astronomie ziehen können?

Sheikh Shaakir hat in seiner Forschungsarbeit erwähnt, dass der berühmte Gelehrte, Sheikh Muhammad Mustafa, Scheikh Al- Azhar (Leiter der Universität), der seinerzeit auch Leiter des höchsten Scharia- Gerichts war, dieselbe Meinung wie As- Subki vertrat; nämlich dass man die Aussage eines Zeugen ablehnen sollte, wenn die mathematische Berechnung die Mondsichtung als unmöglich erklärt. Sheikh Shaakir sagte: „Ich, wie einige andere Brüder, habe die Meinung des großen Professors abgelehnt. Jetzt mache ich es allerdings deutlich, dass er recht hatte. Ich füge noch hinzu, dass es eine Pflicht ist, unter allen Umständen den Neumond durch Berechnung festzulegen, außer wenn das diesbezügliche Wissen für eine Person unerreichbar ist.13


1 Teilweise begann die muslimische Umma den Ramadan an drei verschiedenen Tagen wie im Jahre 1989, in welchem Saudi Arabien, Kuwait, Qatar, Bahrain, Tunesien wie auch andere Länder, aufgrund der Sichtung Saudi Arabiens ab dem 6. April (Donnerstag) fasteten. In Ägypten, Jordanien, Irak, Algerien, Marokko und anderen Ländern begann man am Freitag und wiederum in anderen Ländern, wie beispielsweise Pakistan, Indien, Oman und Iran, wurde ab dem Samstag gefastet!

2 Al- Bukhari in Kapitel Kitaab As- Saum

3 Al-Muwatta, Band 1, Seite 269

4 Fath Al- Bari, Band 1, Seiten 108-109

5 An dieser Stelle wissen wir nicht, wenn genau Al- Hafiz Ibn Hajar mit Rafidis bezeichnet, denn wenn er die Imaamii Schiiten im Sinn hatte, so wissen wir, dass auch sie astronomische Berechnungen ablehnen. Wenn er andere mit dem Begriff Rafidis ansprach, so wissen wir nicht, wer genau gemeint ist.“ (Shakir)
Ich meine, dass Al- Hafiz Ibn Hajar mit Rafidis die Ismaa'ilies meint, denn von ihnen ist diese Rechtsauffassung überliefert. (Al- Qaradawi)

6 Die Auffassung von Spezialisten auf diesem Feld besagt, dass es eine Periode nach dem Sonnenuntergang gibt, nach welcher die Erscheinung des Neumondes möglich ist und dieser auch mit dem bloßen Auge sichtbar ist. Diese Zeitspanne umfasst ca. 15- 20 Minuten.

7 „As- Suraydsch“, mit einem scharfen S ist die richtige Schreibweise des Namens, die in vielen Büchern mit Schuraih (einem gehauchten H am Ende), falsch wiedergegeben wird. Abu Al- Abbaas As- Suraydsch verstarb 306 n.H. Er war einer der Schüler Abu Daawuuds, dem Verfasser des Sunan. Abu Al- Ishaaq Al- Schieraazi hielt über ihn in Tabaqaat Al Fuqahaa', Seite 89, fest: „Er war einer der größten Gelehrten der schafiitischen Rechtsschule und einer der Imame der Muslime.“ Er war der hervorragendste unter den Schafiiten, was auch Al- Muzaniy einschließt. Die besten biographischen Informationen sind in Al- Khatibs Tarikh Baghdad (Band 4, Seiten 278-290) und in Tabaqaat Asch- Schaafi'iyyah von As- Subki (Band 2, Seiten 67-96) enthalten. Einige halten ihn für den Erneuerer (Mudschaddid) des 3. islamischen Jahrhunderts.

8 Sharh Al- Qadi Abu Bakr ibn Al- Arabi bezüglich At- Tirmidhi, Band 3, Seite 207-208; Tarh, At- Tathrib, Band 4, Seite 111-130 (?); Fath Al- Baari, Band 4, Seite 104

9 Der Aufsatz: Al- Awaa'il Asch- Schuhuur Al- Arabiyyah, Maktabah Ibn Taymiyyas, Seiten 7-17. An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass in unserer Zeit zu den Befürwortern der Berechnung der (bereits verstorbene) Großgelehrte Mustafa Az- Zarqa zählt. Er verfocht diese Auffassung in der Akademie für Islamisches Recht, es kam jedoch keine Mehrheit diesbezüglich zustande.

10 Seine Eminenz Schaikh Salih ibn Muhammad Al- Lahaydaan, Vorsitzende des Hohen Gremiums Saudi Arabiens. Seine Meinung wurde in der Tageszeitung 'Ukaaz am 21 Ramadan 1409/27 April 1989 veröffentlicht.

11 Qadara- jaqdiru/ jaqduru im Sinne von Qaddara, ein Beispiel dafür ist der Vers: „So haben Wir bemessen. Welch trefflicher Bemesser sind Wir!“ (77:23)

12 Siehe As- Subki, Fatawa, Cairo, Maktabat Al- Quds, Band 1, Seiten 219-220

13 Al- Awaa'il Asch- Schuhuur Al- Arabiyyah, Maktabah Ibn Taymiyyas, Seite 15