Alternativ zur schriftlichen Ausarbeitung des Themas, hier eine Khutba, die ebenso die Statthaftigkeit der Berechnung des Ramadaan behandeln:


Argumente für die Statthaftigkeit der Berechnung des Ramadan

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1. Einleitung

Hiermit wollen wir für Aufklärung in einer Angelegenheit sorgen, welche die Ummah Jahr für Jahr immer wieder spaltet und Muslime mehr und mehr verwirrt, je weniger Wissen sie haben bzw. je einseitiger sie informiert wurden. Mögen zumindest unsere Herzen vereint sein, selbst wenn unsere rechtlichen Auffassungen auseinandergehen mögen und mögen wir zumindest gemeinsam Fasten und Feiern können, auch wenn nicht unsere eigene Meinung unter den möglichen Meinungen gewählt wurde - Allaahumma Aamien.

1.1. Die Frage nach der die Statthaftigkeit der Berechnung des Ramadan ist eine Zweigfrage

Grundlagen der Religion sind ihrer Natur nach nicht mehrdeutig und unterziehen sich keiner Wandlung. Eben darum eignen sich die jeweiligen Inhalte dazu, Grundlagen zu sein. Die Fundamente des Islam sind dementsprechend der Kern der Religion. Zweigfragen hingegen entspringen dem Bereich des Mehrdeutigen innerhalb der Religion.

Das Vieldeutige begründet sich darin, dass die Urquellen der Religion, also die Texte, wie auch die Kontexte dieser, vom Schöpfer innerhalb einiger Angelegenheiten bewusst mehrdeutig gestaltet wurden.

In der Folge haben vor allem Rechtsgelehrte im Bereich der rituellen und praktischen Handlungen, nicht aber in den zentralen Glaubensfragen (siehe Grundlagen der Religion) jeweils verschiedene Ansichten zu einer einzigen Angelegenheit.

Diese Pluralität kennzeichnete die Ära der Prophetengefährten wie auch der Generationen nach ihnen und aus dieser Vielfalt entsprangen auch die bekannten Rechtsschulen, welche Jahrhunderte lang in einer wissenschaftlichen und gleichzeitig geschwisterlichen Auseinandersetzung nicht nur nebeneinander sondern vielmehr miteinander die Zweigfragen der Religion diskutierten und gleichzeitig den allen gemeinsamen Kern der Religion auslebten.

Zu einem Entdecken der Grundlagen des Islam lade ich meine Mitmenschen ein.

An meine Glaubensgeschwister richtete sich die Einladung, im Bereich des Mehrdeutigen eine wissenschaftliche, geschwisterliche, demütige und zumindest tolerante Diskussion zu führen. Möge die folgende Abhandlung zur Frage nach der Berechnung oder Sichtung des Ramadan dazu dienlich sein. Amin.

1.2 Vertiefung: Verschiedene Ansichten in Zweigfragen sind von Allah gewollt und es kann auch mehrere richtige Ansichten geben

Meinungsverschiedenheiten sind u.a. aus den folgenden Gründen unumgänglich:

1.2.1. Heilige Texte sind von Allah, Dem Erhabenen und Weisen, mehrdeutig gestaltet worden

Ein Beispiel hierfür:

الْمُطَلَّقَاتُ يَتَرَبَّصْنَ بِأَنْفُسِهِنَّ ثَلَاثَةَ قُرُوءٍ
„Und die geschiedenen Frauen sollen drei Zeitspannen warten.“

Zu denen, die unter Zeitspannen (قروء /quruu`) Blutungsphasen verstehen gehören

Zu denen, die unter Zeitspannen (قروء /quruu`) Reinheitsphasen verstehen gehören

  • Abu Bakr (ra)
  • Umar(ra)
  • Ali (ra)
  • Abu Hanifa (r)
  • Aisha (ra)
  • Ibn Umar (ra)
  • Asch-Schaafi`i (r)
  • Imam Malik (r)
  • Imam Ahmad (r)

Wenn Allah Der Erhabene, Weise und Barmherzige Eindeutigkeit gewollt hätte, so hätte Er die eindeutigen Worte حيض für Blutungsphasen resp. اطهار für Reinheitsphasen verwendet. Konsequenz: Das Datum des Scheidungseintrittes bzw. der möglichen Neuheirat der Frau unterscheidet sich bei den Rechtsgelehrten.

1.2.2. Heilige Texte sind von Allah, Dem Erhabenen und Weisen, innerhalb mehrdeutiger Kontexte gestaltet worden

Als der Prophet (saw) im Rahmen einer Kriegssituation die Anweisung gab, zu einem Gebiet loszuziehen und erst das Nachmittagsgebet dort zu beten, betete die Mehrheit der Gefährten das Gebet vorher, um die Zeit nicht zu verpassen. Ihr Argument war, dass der Prophet (saw) nicht beabsichtigte, die Zeit verstreichen zu lassen. Der Gesandte (saw) erfuhr von dem Unterschied und kritisierte keine der beiden Gruppen. (Bukhari, r) Beide Ansichten waren also nicht nur belohnt, weil sie durch kompetente intellektuelle Anstrengung zustande gekommen sind, sondern belohnt und richtig, denn ansonsten hätte der Prophet (saw) im Nachhinein korrigiert, bzw. korrigierten müssen!

1.2.3. Die Authentizität der Hadithe nicht immer eindeutig geklärt

Soll man nach der Verbeugung im Gebet die Hände noch einmal aufeinander legen? JA – nach Schaikh Bin Baz (r) und NEIN nach Schaikh Al- Albani (r). Beide Gelehrte, welche in derselben Ära lebten und einander methodisch wie auch persönlich sehr nahe standen, hatten dieselbe Informationslage. Jedoch entschied Schaikh Bin Baz (r), dass die Hadithe zum betreffenden Thema authentisch genug sind um nach diesen zu handeln, da sie sich gegenseitig zur Stufe des Hasan (حسن) stärken - und Schaikh Al- Albani (r). sah dies als nicht zutreffend an.

1.2.4. Situationsabwägungen können verschieden ausfallen

Beispielsweise haben die großen Gelehrten verschiedene Auffassungen darüber, wie genau die Notsituation beschaffen sein muss, damit man Schweinefleisch gemäß dem folgenden Vers essen darf:

إِنَّمَا حَرَّمَ عَلَيْكُمْ الْمَيْتَةَ وَالدَّمَ وَلَحْمَ الْخِنزِيرِ وَمَا أُهِلَّ بِهِ لِغَيْرِ اللَّهِ فَمَنْ اضْطُرَّ غَيْرَ بَاغٍ وَلا عَادٍ فَلا إِثْمَ عَلَيْهِ إِنَّ اللَّهَ غَفُورٌ رَحِيمٌ
„Verboten hat Er euch nur (den Genuss von) natürlich Verendetem, Blut, Schweinefleisch und dem, worüber etwas anderes als Allah angerufen worden ist. Wenn aber jemand (dazu) gezwungen ist, ohne (es) zu begehren und ohne das Maß zu überschreiten, so trifft ihn keine Schuld; wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig.“ (2:173)

1.2.5. Fazit

Wir müssen unseren Rechtsschulenfanatismus bzw. Gelehrtenkult ablegen, denn Allah Der Weise und Allmächtige hat die Zweigfragen der Religion oftmals mehrdeutig gestaltet - wir müssen dies, uns Allah ergebend, akzeptieren und miteinander leben! Dies ist von Allah gewollt und belohnt. Oft gibt es nicht ausschließlich nur eine richtige Antwort, sondern zwei oder mehrere Möglichkeiten, welche gleichermaßen richtig und belohnt sind. Auch können richtige und richtigere Auffassungen in einer Angelegenheit gleichzeitig existieren.

Abschließend sei dazu zwei bedeutsame Gelehrte zitiert, der Inhalt spricht für sic selbst:

Al- Layth ibn Sa`d (r, Zweitgenosse der Prophetengefährten, also Taabi`i):

„Die Leute des Wissens sind Leute der Weite, des Erweiterns (At- Tausiah). Die Fatwagebenden haben immer Meinungsverschiedenheiten, so verbietet einer von ihnen Etwas, dass der andere erlaubt, ohne, dass sie sich gegenseitig Vorwürfe machen.“
(Baihaqiy in Al-Madkhal und Zarkashiy in At-Tadhkirah)

Aschaafi`i (r) über Al- Layth ibn Sa`d: „Er war ein größerer Faqih als Imam Malik.“

Ibn Taymiyya (r) stellte fest:

„Der Konsens unter Gelehrten ist ein entscheidender Beleg und ihre Meinungsvielfalt eine weite Barmherzigkeit.“
(Mukhtasar Al- Fatawa Al- Misriyya)

Einschub: Die Aussage von einem Laien „Ich folge dem, was Allah gesagt hat, bzw. was der Prophet gesagt hat“ ist a) Einbildung: „Ich verstehe die Worte Allahs und die Seines Gesandten – der andere Gelehrte aber nicht!“ und b) eine Beschuldigung: „Die anderen Imame und Muslime wollen lieber den Worten der Gelehrten als den Worten Allahs und Seines Gesandten folgen!“

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1 Teilweise begann die muslimische Umma den Ramadan an drei verschiedenen Tagen wie im Jahre 1989, in welchem Saudi Arabien, Kuwait, Qatar, Bahrain, Tunesien wie auch andere Länder, aufgrund der Sichtung Saudi Arabiens ab dem 6. April (Donnerstag) fasteten. In Ägypten, Jordanien, Irak, Algerien, Marokko und anderen Ländern begann man am Freitag und wiederum in anderen Ländern, wie beispielsweise Pakistan, Indien, Oman und Iran, wurde ab dem Samstag gefastet!

2 Al- Bukhari in Kapitel Kitaab As- Saum

3 Al-Muwatta, Band 1, Seite 269

4 Fath Al- Bari, Band 1, Seiten 108-109

5 An dieser Stelle wissen wir nicht, wenn genau Al- Hafiz Ibn Hajar mit Rafidis bezeichnet, denn wenn er die Imaamii Schiiten im Sinn hatte, so wissen wir, dass auch sie astronomische Berechnungen ablehnen. Wenn er andere mit dem Begriff Rafidis ansprach, so wissen wir nicht, wer genau gemeint ist.“ (Shakir)
Ich meine, dass Al- Hafiz Ibn Hajar mit Rafidis die Ismaa'ilies meint, denn von ihnen ist diese Rechtsauffassung überliefert. (Al- Qaradawi)

6 Die Auffassung von Spezialisten auf diesem Feld besagt, dass es eine Periode nach dem Sonnenuntergang gibt, nach welcher die Erscheinung des Neumondes möglich ist und dieser auch mit dem bloßen Auge sichtbar ist. Diese Zeitspanne umfasst ca. 15- 20 Minuten.

7 „As- Suraydsch“, mit einem scharfen S ist die richtige Schreibweise des Namens, die in vielen Büchern mit Schuraih (einem gehauchten H am Ende), falsch wiedergegeben wird. Abu Al- Abbaas As- Suraydsch verstarb 306 n.H. Er war einer der Schüler Abu Daawuuds, dem Verfasser des Sunan. Abu Al- Ishaaq Al- Schieraazi hielt über ihn in Tabaqaat Al Fuqahaa', Seite 89, fest: „Er war einer der größten Gelehrten der schafiitischen Rechtsschule und einer der Imame der Muslime.“ Er war der hervorragendste unter den Schafiiten, was auch Al- Muzaniy einschließt. Die besten biographischen Informationen sind in Al- Khatibs Tarikh Baghdad (Band 4, Seiten 278-290) und in Tabaqaat Asch- Schaafi'iyyah von As- Subki (Band 2, Seiten 67-96) enthalten. Einige halten ihn für den Erneuerer (Mudschaddid) des 3. islamischen Jahrhunderts.

8 Sharh Al- Qadi Abu Bakr ibn Al- Arabi bezüglich At- Tirmidhi, Band 3, Seite 207-208; Tarh, At- Tathrib, Band 4, Seite 111-130 (?); Fath Al- Baari, Band 4, Seite 104

9 Der Aufsatz: Al- Awaa'il Asch- Schuhuur Al- Arabiyyah, Maktabah Ibn Taymiyyas, Seiten 7-17. An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass in unserer Zeit zu den Befürwortern der Berechnung der (bereits verstorbene) Großgelehrte Mustafa Az- Zarqa zählt. Er verfocht diese Auffassung in der Akademie für Islamisches Recht, es kam jedoch keine Mehrheit diesbezüglich zustande.

10 Seine Eminenz Schaikh Salih ibn Muhammad Al- Lahaydaan, Vorsitzende des Hohen Gremiums Saudi Arabiens. Seine Meinung wurde in der Tageszeitung 'Ukaaz am 21 Ramadan 1409/27 April 1989 veröffentlicht.

11 Qadara- jaqdiru/ jaqduru im Sinne von Qaddara, ein Beispiel dafür ist der Vers: „So haben Wir bemessen. Welch trefflicher Bemesser sind Wir!“ (77:23)

12 Siehe As- Subki, Fatawa, Cairo, Maktabat Al- Quds, Band 1, Seiten 219-220

13 Al- Awaa'il Asch- Schuhuur Al- Arabiyyah, Maktabah Ibn Taymiyyas, Seite 15