Das Erbrecht im Islam in Bezug auf die Frau

Immer wieder, zu allen möglichen Gelegenheiten, hört man, dass eine Frau nur „die Hälfte des Mannes erbt“, sprachlich korrekt ausgedrückt: Die Hälfte dessen erbt, was sie erben würde, wenn sie ein Mann wäre. Meist wird einem dabei nahegelegt, dass die Frau dementsprechend im Islam auch nur „halb so viel wert“ sei.

Wie verhält es sich nun wirklich in Sachen islamisches Erbrecht und Rolle der Frau darin?

Diese Abhandlung mag nur eine kurze sein, jedoch hoffen wir dadurch, Licht in das Dunkel dieser Angelegenheit werfen zu können.

Zunächst einmal halten wir fest, dass es im islamischen Erbrecht bezüglich dieser Frage vier verschiedene Fälle gibt:

  1. Die Frau bekommt weniger als der Mann
  2. Die Frau bekommt denselben Anteil wie der Mann
  3. Die Frau bekommt mehr als der Mann
  4. Die Frau bekommt einen Erbanteil, wohingegen der Mann keinen erhält.

Beispiele dafür, dass die Frau denselben Anteil wie der Mann bekommt:

  • Verstorbener hinterlässt: Vater, Mutter und Kinder: Vater und Mutter beide 1/6. (4:11)
  • Verstorbener hinterlässt: Geschwister: Schwester und Bruder bekommen beide 1/6, wenn es mehr als 2 Geschwister sind, dann teilen diese sich 1/3 zu gleichen Teilen. (4:12)
  • Insgesamt gibt es elf Fälle, welche dieser Kategorie zuzurechnen sind.

Beispiele dafür, dass die Frau einen höheren Anteil als der Mann bekommt:

  • Frau hinterlässt: Ehemann, Vater und Mutter: Ehemann 1/2, Vater 1/6 und Mutter 1/3. (4:11)

Zehn Fälle existieren in dieser Kategorie.

Beispiele dafür, dass die Frau einen geringeren Anteil als der Mann bekommt, genauergenommen die Hälfte:

„Allah empfiehlt euch hinsichtlich eurer Kinder: Einem männlichen Geschlechts kommt ebenso viel zu wie der Anteil von zwei weiblichen Geschlechts...." (4:11)

Zu dieser Kategorie zählen 5 Fälle.

Beispiele dafür, dass die Frau einen Anteil aus dem Erbe bekommt, der Mann hingegen leer ausgeht.

  • Frau hinterlässt: Ehemann, Schwester und Halbbruder (väterlicherseits): Halbbruder (väterlicherseits) bekommt 0/0. Wenn es Halbschwester (väterlicherseits) wäre, dann 1/6.

Insgesamt gibt es vier Fälle, welche dieser Kategorie zuzurechnen sind.

Rechnerisches Fazit:

Bei Betrachtung dieser Statistik, muss man feststellen, dass wenn man von einer Benachteiligung sprechen möchte, es der Mann wäre, der im islamischen Erbrecht schlechter abschneidet. Nimmt man nämlich die Fälle heraus, in welchen beide gleichviel bekommen (11) und rechnet man solche Fälle gegeneinander auf, in denen eine Übervorteilung für eines der beiden Geschlechter offenkundig scheint (14 zu 5 für die Frau), bleiben noch neun Konstellationen übrig, in denen die Frau mehr bekommt bzw. überhaupt etwas bekommt und der Mann leer ausgeht.

Weitere Hintergründe und Zusammenhänge:

Von großer Bedeutung ist an dieser Stelle jedoch auch, Gesamtzusammenhänge nicht außer Acht zu lassen. Dazu gehört, dass man sich weitere Regelungen und Prinzipien des islamischen Gesellschafts- und Familiensystems vor Augen hält. Im Bereich der finanziellen Verpflichtungen lässt sich hier feststellen, dass es der Mann ist, der

  • alleinig Unterhalt zu zahlen hat, die Frau hingegen nicht.
  • sein gesamtes Vermögen mit der Ehefrau, den Kindern und der Familie zu teilen hat, die Frau hingegen nicht.
  • sein gesamtes Einkommen mit der Ehefrau, den Kindern und der Familie zu teilen hat, die Frau hingegen nicht.
  • sein Erbanteile mit der Ehefrau, den Kindern und der Familie zu teilen hat, die Frau hingegen nicht.

Darüber hinaus ist der Mann dazu verpflichtet, bei der Hochzeit eine Brautgabe zu entrichten ohne, dass die Frau dem Mann ein Geschenk zu machen hat.

Auch die materielle Ersatzleistung an die Hinterbliebenen des Opfers nach einer fahrlässigen Tötung muss von den männlichen Mitgliedern der Großfamilie des Täters entrichtet werden, ohne, dass sich Frauen daran beteiligen müssen.

Die Rechnung unterm Strich: Der Mann gibt dass, was er mehr vom Erbe hat, einer anderen Frau in die Ehe als Brautgabe (die zuvor im Erbe „benachteiligt" wurde) und muss vom Rest Versorgungs- und Unterhaltspflichten erfüllen - die Frau hingegen besitzt und muss keinerlei Versorgungs- und Unterhaltspflichten nachkommen.

Wir stellen also fest, dass die Frau im Rahmen des islamischen Gesellschafts- und Familiensystem keinerlei finanziellen Verpflichtungen zu tragen hat, wenn man einmal von der Zahlung der Pflichtabgage an definierte Bedürftige absieht, welche die dritte Säule des Islams ausmacht. Vielmehr profitiert sie von den Verantwortlichkeiten, welche den Männern auferlegt werden. Schließlich widmen sich Frauen in der Regel auch wichtigeren Dingen und Sorgen und zwar oftmals ohne jegliche Anerkennung überhaupt.

Weitere Fragen, deren Klärung für diese Thematik interessant wäre:

  • Wie haben andere Religionen die Frage nach dem Erbrecht der Frau geregelt?
  • Die Frage nach der geschichtlichen Entwicklung: Ab wann war die Frau wo überhaupt erbberechtigt?
  • Welche Konzepte im Allgemeinen bezüglich finanzieller Verpflichtungen der beiden Geschlechter existieren in anderen Religionen?
  • Wie handhaben weltliche Gesetzgebungen finanzielle Verpflichtungen der beiden Geschlechter? Nach welchen Prinzipien wird dabei vorgegangen und welche Vor- und Nachteile ergeben sich dabei für Mann und Frau in den verschiedenen Lebenslagen?
  • (...)

Lektionen aus der Abhandlung dieser Thematik:

  • Wir werden oftmals schlicht falsch informiert.
  • Wir werden oft zwar richtig, jedoch nur bruchstückhaft und aus den Zusammenhängen herausgerissen informiert.
  • Die Frage nach dem „Warum" drängt sich einem an dieser Stelle auf.
  • Wir müssen vollinformiert und mit dazugehörigen Hintergründen und Zusammenhängen einzelne Fragestellungen betrachten, um zu einem gerechten Urteil zu gelangen.

...und der Schöpfer weiß es besser!


Frankfurt der 9.11. 2011

Autor: Mohammed Naved Johari, Diplom- Sozialpädagoge

Quellen: Fiqhul-ahwaalischach-siyyah. Gebote der Bekleidung, Ernährung und Personenstandsangelegenheiten, Die Islamologische Enzyklopädie Band 5, Zaidan, M.A. Amir, Seite 237ff. Islamologisches Institut, 2010 Wien.