Zwischen dem Befolgen einer Rechtsschule bzw. von Gelehrtenmeinungen und dem Folgen des Belegs von Schaikh Faisal Maulawi (r)1

In diesem Artikel werden wir Fragen bezüglich der Statthaftigkeit des Befolgens einer Rechtsschule behandeln, sowie die verschiedenen Gelehrtenmeinungen zu diesem Thema betrachten. Ein Schwerpunkt wird dabei auf der Frage nach der Statthaftigkeit (oder Verpflichtung?!) liegen, ob man verschiedene Rechtsauffassungen miteinander mischen kann.

Die Statthaftigkeit des At- Taqlied التقليد

Zunächst einmal werden wir die Rechtmäßigkeit begründen, eine Rechtsschule bzw. Gelehrtenmeinungen zu befolgen, ohne die Belege für die Richtigkeit der Auffassung zu kennen (At- Taqlied التقليد). Dies bezeichnet man in der Fachsprache als At- Taqlied. At- Taqlied ist, wie wir feststellen werden, aufgrund der folgenden Belege für die Allgemeinheit der Muslime zulässig.

(1) Allah, Der Erhabene, hält im Quran fest:

„So fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr nicht wisst." (Quran 16:43)

Dies ist ein Befehl Allahs, in welchem Er demjenigen anbefiehlt, der einen Rechtsspruch zu einer Angelegenheit nicht kennt, die Leute des Wissens zu fragen. Es ist also dem gewöhnlichen Muslim erlaubt, dass er die Gelehrten fragt und deren Antworten annimmt bzw. umsetzt.

(2) Weiterhin ist im Quran festgehalten:

„Die Gläubigen sollen aber nicht allesamt gleichzeitig ausrücken. Von jeder ihrer Abteilungen soll eine Gruppe nicht ausrücken, um einander in der Religion zu belehren. So können sie ihren Leuten nach ihrer Heimkehr helfen, vor dem Bösen auf der Hut zu sein." (Quran 9:122)

Dieser Vers besagt deutlich, dass es nicht allen Muslimen möglich ist, ein Studium des islamischen Rechts aufzunehmen, sondern dass sich dem eine Anzahl unter ihnen widmen möge. Diese sind es, welche dann den anderen Wissen zukommen lassen. Wenn es also möglich oder gefordert gewesen wäre, dass sich jeder Muslim in den Zweigfragen der Religion selbst bildet, so hätte Allah dies [die erwähnte Aufgabenteilung; Anm. des Übersetzers] untersagt.

(3) Zulässigkeit durch Prophetengefährten bewiesen

Weiterhin wird die Zulässigkeit des At- Taqlied durch die Lebensrealität der Gemeinde der Prophetengefährten untermauert, und diese sind die Besten der Generationen. Unter diesen waren nur wenige, welche Fuqahaa' فقهاء waren und welche von der Mehrheit unter ihnen zur Klärung von islamrechtlichen Fragen aufgesucht wurden. Diese Gelehrten wurden also gefragt und ihre Antworten umgesetzt, wobei sie nur äußerst selten nach den Belegen zu der Antwort gefragt wurden. Weiterhin ist erwähnenswert an dieser Stelle, dass der Prophet (saw) Gelehrte und Quranleser zu neuen Muslimen entsandte, damit diese ihnen den Islam lehren und den Quran verlesen. Auch sie wurden nicht nach den Belegen ihrer Antworten gefragt. Man kann also einen Konsens unter den Prophetengefährten bezüglich der Tatsache festhalten, dass es erlaubt ist sich einer Rechtsschule bzw. Rechtsgelehrten anzuschließen und diesen in ihren Antworten zu folgen, ohne nach dem Beleg zu fragen.

(4) Gründliches Nachdenken wird uns weitere Belege für die Zulässigkeit von At- Taqlied liefern:

Was soll nun der einfache Muslim machen, darunter der Ingenieur, der Arzt und die Reinigungskraft, der damit beschäftigt ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn er islamrechtliche Fragen zu klären hat?

Dieser kann nicht in den Urquellen des islamischen Rechts nach relevanten Texten suchen.

und wenn: Wir müssten ebenso die verschiedenen Kommentare zu diesen Texten studieren, um den Text selbst verstehen zu können. Dazu zählen auch Bücher über die arabische Sprache und ihre Wissenschaften.

Wenn es mehrere, einander scheinbar widersprüchliche Texte zu einer Angelegenheit gibt, so sind wir nicht fähig, aus diesen die relevanteren herauszufiltern.

Wenn es mehrere mögliche Perspektiven zu ein und demselben Text gibt, so sind wir nicht fähig, aus diesen das Korrekte bzw. das korrektere Verständnis gegenüber anderen möglichen zu bevorzugen, da auch hierzu intensive Jahre des Studiums Voraussetzung sind.

Wenn wir keine Texte finden: Der einfache Muslim kann keinen Idschtihad اجتهاد betreiben, unabhängig davon, wie sehr man die nötigen Bedingungen, welche gegeben sein müssen, um Idschtihaad zu betreiben, mit Wohlwollen reduziert und eingrenzt. Diese Tatsache wird von keinem außer einem Hochmütigen bestritten. Die Folge dessen wäre allerdings ein Idschtihaad ohne islamrechtliche Rahmenbedingungen. Dies wäre jedoch ein viel größeres Übel als wenn sich die Allgemeinheit der Muslime zu den Gelehrten begibt, welche sich der Forschung komplett zu widmen vermögen.

(5) Zuletzt sei die Situation derjenigen, welche den Belegen zu folgen meinen, als Beleg für die Zulässigkeit von At- Taqlied aufgeführt.

Die Gelehrten dieser Schule haben selbst untereinander viele Meinungsverschiedenheiten in den Zweigfragen. Diese existieren u.a. aufgrund von verschiedenen Auslegungen, auseinandergehenden Haditheinstufungen und variierenden Methoden der Urteilsableitungen. Dabei hat jeder Gelehrte dieser Schule Gefolgsleute, welche ihnen in ihren Auffassungen folgen. Nun mag man einwenden, dass dies keine Befolgung eines Gelehrten sei, da der Folgende die Belege der Ansicht kennt und von der Richtigkeit dieser Überzeugt ist. An dieser Stelle wenden wir jedoch ein: Warum kennen die Gelehrten [innerhalb dieser Schule] denn nicht die Belege der anderen [in Angelegenheiten von Meinungsverschiedenheiten] und sind von diesen überzeugt? Und wo ist an dieser Stelle der Unterschied zwischen demjenigen, der einer Auffassung aufbauend auf der Überzeugung von der Richtigkeit von Belegen folgt, jedoch fußt diese [Überzeugung] nicht auf einer korrekten Basis und demjenigen, der Auffassungen befolgt, ohne nach den Belegen dieser zu fragen, da er sich seiner Unfähigkeit bewusst ist, die Belege prüfen und ggfs. auch zurück weisen zu können?

Anders formuliert: Wie kann ein Schüler behaupten, seine Überzeugung von der Richtigkeit einer Auffassung sei fundiert, wenn es andere Gelehrte gibt, die nicht von der Richtigkeit der Belege für diese Auffassung überzeugt sind?! Von welchem Wert ist also eine solche Überzeugung eines Studenten? Der Anhänger einer Rechtsschule bzw. von Gelehrtenmeinungen weiß wenigstens, dass er unfähig ist, Belege umfassend und in die Tiefe gehend zu verstehen und dass er seine angenommene Ansicht auch nicht gegenüber anderen (Schein-) Belegen zu verteidigen vermag. Abgesehen davon, ist der Konsens unter den früheren Generationen bezüglich der Zulässigkeit von At- Taqlied ausreichend um dieses zu belegen; auch wenn einige Übertreiber seitens der Schule der Salafia dies so nicht sehen. Denn die Praxis zeigt, dass sie selbst At- Taqlied in der einen oder anderen Form für zulässig befinden. Man kann ihre Einwände dahingehend einordnen, dass sie sich dagegen wenden, dass At- Taqlied nicht nur als statthaft angesehen wird, sondern darüber hinaus als Verpflichtung.

At- Taqlied ist nicht verpflichtend

Zu den Fehlern, welche sich in der Zeit des Rechtsschulen- Fanatismus aufkamen, gehört, dass man Muslime in die Kategorien der Befolger und Rechtsgelehrten (Mudschtahiduun) einteilte und danach die Tür des Idschtihaads verschloss, so dass alle gewissermaßen Befolger wurden, sogar die Gelehrten und Studenten. Dies schwächte bzw. tötete ganz und gar die Motivation, Vertiefung und Forschung zu betreiben oder wissenschaftlich zu studieren und zu diskutieren. Die Hauptbeschäftigung der Gelehrten wurde es, dass sie die Meinungen der jeweiligen Rechtsschulen, welcher sie angehörten, zu rechtfertigen suchten, und sei dies mit schwachen Belegen, da es ihnen ja auch nicht erlaubt war, ihren Rechtsschulen zu widersprechen. Der Gelehrte Al- Iss ibn Abdussalaam العز بن عبد السلام wandte sich solchen Gelehrten in seinem Buch Qawaa-id Al Ahkaam قواعد الأحكام zu, welche den schwachen Belegen ihrer Imame anhingen. Dies taten sie, obwohl sie diesen auf den Grund gingen und alles verstanden was mit diesen zusammenhing und keine Rechtfertigung für diese zu finden vermochten, jedoch trotz alledem ihren Imamen folgten und somit den Quran, die Sunna und die korrekten Analogieschlüsse beiseitelegten; dies im Namen des At- Taqlied.

Mit diesen Ausführungen unsererseits beabsichtigen wir jedoch nicht, dass die Türen des Idschtihaads weit geöffnet werden und ihn solche betreiben, welche nicht die Qualifikationen hierzu besitzen. Vielmehr ist es unsere Absicht, dass obwohl wir die Zulässigkeit des At- Taqlied und die Notwendigkeit [seiner Existenz] bestätigen, bleibt er trotzdem nur im Rahmen des Erlaubtseins und erreicht nicht den Grad der Verpflichtung, außer für den gewöhnlichen Muslim, der über keine Fähigkeiten verfügt, Forschung zu betreiben. Derjenige jedoch, der Fähigkeiten zum Studium besitzt oder sie besitzen könnte, sollte vom At- Taqlied التقليد (dem Befolgen der Ansichten, ohne Wissen bezüglich der Belege zu haben) zum Ittibaa´ اتباع (dem Befolgen der Gelehrtenansichten, mit Wissen bezüglich der Belege zu haben) übergehen. Belege zu kennen und von diesen überzeugt zu sein, befähigt einen noch lange nicht dazu, Idschtihaad اجتهاد zu betreiben. Jedoch ist es ihm erlaubt – und manchmal stellt es sogar eine Verpflichtung für ihn dar, wenn er die Belege der Rechtsschulen in einer Angelegenheit umfassend studierte und die Schwäche der Belege seiner Rechtsschule erkennt, dass er zu einer anderen Auffassung übergeht, die stärker belegt ist. Diese Fähigkeit wurde von einigen Gelehrten die Stufe des Einblicks in die islamrechtlichen Scharia´ Normen genannt, was die Kenntnis der jeweiligen Belege und deren tiefgehendem Verständnis unter Hinzuziehung der grundlegenden Quellen miteinschließt.

At- Taqlied beschränkt sich nicht nur auf die vier bekannten Rechtsschulen

Ebenfalls zu den Fehlern, welche sich in der Zeit des Rechtsschulen- Fanatismus aufkamen, gehört, dass man die Rechtmäßigkeit des At- Taqlied lediglich auf die vier bekannten Rechtsschulen eingrenzte. Dies basierte nicht auf einen islamrechtlichen Beleg, sondern hing damit zusammen, dass die erwähnten Schulen das Glück genossen, dass es unter ihnen Anhänger gab, welche die jeweiligen Lehrmeinungen schriftlich dokumentierten und erklärend weiter ausführten. Das Ergebnis war, dass diese dokumentierten Lehrmeinungen dann unter den Menschen Verbreitung fanden, da sie strukturiert waren, Kapitelüberschriften hatten und es darüber hinaus Gelehrte gab, welche diese noch zu erklären vermochten.

Die Konsequenz dessen war auch, dass man sich sicher sein konnte, dass die jeweiligen Lehrmeinungen wirklich auf die einzelnen Großgelehrten zurückgeführt werden konnten. Andere Lehrmeinungen hingehen konnte man nicht bzw. ohne entsprechende Sicherheit auf diejenigen zurückführen, welchen sie zugeordnet wurden. Auch wenn diese Meinungen auf Gelehrte mit Sicherheit zurückführbar waren, so gab es niemanden, der für die Verbreitung und Anwendung dieser eintrat oder der sie weiter belegte und erklärte, wenn dies notwendig war. Aufgrund dieser Hintergründe war es also, dass die damaligen Gelehrten die Rechtmäßigkeit des At- Taqlied auf die vier bekannten Rechtsschulen eingrenzten. In den heutigen Tagen jedoch, nachdem einige wichtige Werke des Erbes der islamrechtlichen Wissenschaften gedruckt wurden und der Allgemeinheit zu Verfügung stehen und Auffassungen der Prophetengefährten, deren Nachfolger sowie der Großgelehrten (unabhängig davon, ob diese vor, nach oder zur Zeit der vier Begründer der bekannten Rechtsschulen gelebt haben) verbreitet und zurückführbar sind, verhält es sich so, dass es möglich ist, sich einer dieser Auffassungen in einer oder mehreren Angelegenheiten anzuschließen. Dies gilt, wenn man zu denjenigen gehört, welche Einsicht in die islamrechtlichen Urteile besitzen und man die Ansichten stärker belegt als diejenige der Rechtsschule sieht, welcher man eigentlich angehört. Al- Iss ibn Abdussalaam العز بن عبد السلام hält dazu fest:

Entscheidend bei dem Muqallid مقلد ist die richtige Wahrnehmung und die gefühlte Sicherheit in Bezug auf die Rechsschule. Wenn er also die Richtigkeit einer Rechtsschule wahrnimmt, so ist es auch richtig, dass er dieser folgt, auch wenn der Begründer dieser Rechtsschule nicht einer der vier bekannten ist.2

Der einfache Muslim darf At- Taqlied einer Rechtsschule betreiben

Zu weiteren Fehlern, welche Verbreitung unter Muslimen gefunden haben, als der Rechtsschulen- Fanatismus aufkam, gehört, dass man es für verpflichtend erklärte, dass man einer Rechtsschule angehört und dass der Wechsel zu einer anderen verboten sei. Andere Antworteten auf diesen Extremismus damit, dass es verboten sei, einer einzigen Rechtsschule anzugehören. Beide Aussagen sind allerdings nicht belegt.

  1. 1. Die Pflicht, sich einer Rechtsschule anzuschließen bzw. eine einzige umzusetzen, sei es im Allgemeinen oder in einer einzelnen Angelegenheit, unabhängig davon, ob vor der Umsetzung der Auffassung oder nach ihr, ist islamrechtlich nicht belegt. Die Verpflichtung besteht lediglich aus dem, was Allah und Sein Gesandter (saw) bestimmen, und dies beschränkt sich darauf, dass man sich an die islamrechtlichen Urteile hält. In diesem Zusammenhang ist es uns erlaubt worden, dass wenn wir nicht die Bestimmungen eigenständig und direkt aus dem Quran und der Sunna ableiten können, wir die Gelehrten fragen können, ohne dass diese Gelehrten in einer Form eingegrenzt wurden. Die Prophetengefährten pflegten die Gelehrten unter ihnen zu fragen und erhielten von diesen Antworten, ohne dass ein Verbot für die Fragenden ausgesprochen wurde, andere Gelehrte zu fragen. Dies galt weder in Bezug auf dieselbe Angelegenheit noch auf andere. So hielten es die Muslime in den darauf folgenden Epochen, selbst in der Zeit der Begründer der vier Rechtsschulen, da diese es ihren Schülern nicht verboten, die Auffassungen von anderen Rechtsgelehrten anzunehmen.
    Die Idee, dass es verpflichtend ist, einer Rechtsschule anzugehören bei gleichzeitigem Verbot zu einer anderen zu wechseln, kam erst in späteren Zeiten auf.
  2. Auch die Idee des Verbots der Befolgung einer einzigen Rechtsschule, sowie dass man dahinter eine Art Schirk الشرك verstanden hat, ist ohne substantiellen Beleg. Wenn ein Muslim beruhigt ist bezüglich des Wissenstands eines Gelehrten und seiner Gottesfurcht und er deswegen immer diesen aufzusuchen möchte, so gibt es nichts in der Gesetzgebung Allahs, was dies verbieten würde, unabhängig davon, ob der betreffende Gelehrte zu den vier bekannten Imamen gehört oder nicht. Jedoch ist es dem Befolgenden nicht erlaubt zu meinen, dass es eine Verpflichtung für ihn darstellt, dass er ausschließlich diesem Gelehrten folgt. Ebenso ist dem Befolgenden es jederzeit möglich, zu der Befolgung eines anderen Gelehrten überzugehen, wenn er dies wünscht. Näheres dazu wird unter der Thematik At-Talfieq3 besprochen.

Leute des Einblicks müssen dem Beleg folgen.

Denjenigen, welche die Stufe erreicht haben, Einblick in die islamrechtlichen Schari´a Normen zu nehmen, so ist es verpflichtend für sie, den Belegen in all den Angelegenheiten zu folgen, welche sie in die Tiefe gehend studiert haben und folglich die Belege der einzelnen Meinungen zum Thema umfassend verstehen. Diese müssen dann die Meinung bevorzugen, die ihnen am nächsten zum Buche Allahs und der Sunna des Gesandten scheinen. Dies gilt auch, wenn er dabei von verschiedenen Imamen Auffassungen annimmt oder sogar selber Idschtihaad bei neuen Sachen betreibt.

Trotz diesem sei jedoch angemerkt, dass kein islamrechtlicher Beleg dafür vorhanden ist, der verbieten würde, dass der befolgende Muslim dieser Stufe einer einzigen Rechtsschule angehört, bis er die Möglichkeit dazu hat, einzelne Angelegenheiten tiefgehend zu studieren. Dadurch würde es dem Muslim dieser erwähnten Stufe verpflichtend werden, den Belegen in dieser Frage zu folgen. In den verbleibenden Fragen könnte er weiterhin wie erwähnt sich seiner Rechtsschule anschließen, denn Allah belastet niemanden über das hinaus, was er zu leisten vermag. Es mag sein, dass es mehrere Monate bedarf, eine einzige Thematik zu studieren, bis man die für sich stärkeren Belege herausgesiebt hat, die einem Beruhigung verschaffen. Es besteht also kein Hindernis darin, dass man dabei bleibt, einem Rechtsgelehrten zu folgen bis man eine Thematik studieren konnte. Wenn man dabei vorfindet, dass die stärkeren Belege die eigene Rechtsschule unterstützen, dann verbleibt man bei dieser Ansicht und wenn nicht, dann wechselt man zu der Seite, die die stärkeren Belege haben.4

Die Zusammenflickung (At-Talfieq5) التلفيق ist erlaubt

Mit dem Begriff der Zusammenflickung ist gemeint, dass man sich mehrerer Rechtsschulen in einer Angelegenheit bedient mit der Konsequenz, dass das daraus entstandene Endergebnis von keiner der einzelnen Rechtsschulen vertreten wird. Im Folgenden wollen wir die Thematik der Zusammenflickung zusammenfassen.

  1. Die Zusammenflickung in dem Sinne, dass man in einer Angelegenheit sich einer Rechtsschule bedient und in einer anderen Angelegenheit, welche nichts mit der vorherigen zu tun hat, von einer anderen Rechtsschule nimmt, wird von der Mehrheit der Gelehrten als erlaubt angesehen, welche es nicht als verpflichtend ansehen, dass man sich einer Rechtsschule anzuschließen hat und es erlauben, dass man zu einer anderen wechselt. Beispiel: Jemand der nach der schafi'itschen Rechtsschule betet und die Zakah gemäß der hanafitischen Rechtsschule zahlt sowie nach der Maalikiyyah fastet.
  2. Die Zusammenflickung im dem Sinne, dass man in einer Angelegenheit einer Rechtsschule folgt und dann in dieser Frage zu einer anderen wechselt. Beispielsweise wie jemand, der gemäß einer Rechtsschule das Mittagsgebet betet und daraufhin das Nachmittagsgebet gemäß einer anderen Rechtsschule durchführt. Dies wird ebenfalls von der Mehrheit der Gelehrten als erlaubt angesehen, welche es nicht als verpflichtend ansehen, dass man sich einer Rechtsschule anzuschließen hat.
  3. Die Zusammenflickung, bezüglich derer Meinungsverschiedenheit herrscht ob sie erlaubt bzw. verboten ist, ist die Zusammenflickung innerhalb einer einzigen Angelegenheit. Als Beispiel möge hier dienen, dass man gemäß der schafi'itschen Rechtsschule nur einen geringen Teil des Kopfes bei der Gebetswaschung bestreicht und daraufhin seine Gebetswaschung nach der Berührung einer Frau als gültig ansieht, und zwar nach der hanafitischen sowie maalikitischen Rechtsschule. Die Späteren unter den Gelehrten der einzelnen Rechtsschulen meinen, dass die Gebetswaschung ungültig ist, da nach Imam Asch- Schaafi'i die Berührung einer Frau die Gebetswaschung ungültig macht nach Imam Abu Hanifa weniger als ein Viertel des Kopfes bestrichen wurde nach Imam Maalik nicht der ganze Kopf bestrichen wurde. Die Zusammenflickung führte hier also zu einem Bild, welches von keiner Rechtsschule zuvor bestätigt wurde, weswegen sie nicht erlaubt ist (nach dieser Ansicht).
  • Wenn die Zusammenflickung auf Überzeugung gebaut ist, und zwar von jemand, der zu den Leuten des Einblicks in die islamrechtlichen Urteile gehört, so ist sie erlaubt. Dies gilt, da es das Recht derjenigen ist, welche diese Stufe innehaben, für sich selbst nach getaner Anstrengung zu entscheiden. Wir gehen davon aus, dass dies nicht umstritten ist.
  • Was die Zusammenflickung in Bezug auf den einfachen Muslim anbelangt, so ist sie auch erlaubt, denn die Rechtsschule des einfachen Muslims ist die Rechtsschule desjenigen, den er fragt. Es ist dem einfachen Muslims nicht aufgebürdet, dass er jede Angelegenheit des islamischen Rechts studiert und jede Meinungsverschiedenheiten versucht klug aufzulösen. Wenn er dazu fähig wäre, so würde er nicht mehr als einfacher Muslim gelten. Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle auch, dass die Prophetengefährten nicht nach allen zusammenhängenden Details fragten, als sie nach einer Angelegenheit fragten und die Befragten es ihnen auch nicht auferlegten, dass wenn sie ihnen in der Antwort folgen, es ihnen verboten ist, in zusammenhängenden Fragen andere aufzusuchen. Dies ist also auch der Beleg dafür, dass in der besten aller Generationen sich Zusammenflickung erreignete, denn die Rechtsauffassungen und Methodiken der Rechtsfindung der Prophetengefährten waren weder zusammengestellt noch niedergeschrieben. Jeder Muslim fragte denjenigen, den er von den Prophetengefährten traf und fragte daraufhin andere; und zwar ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob die beiden Fragen miteinander zusammenhingen oder nicht.
  • Bezüglich der Zusammenflickung innerhalb einer einzigen Angelegenheit:
    Die Gebetswaschung war gemäß Imam Asch- Schaafi'i gültig, also gemäß der Sicht der Scharia. Denn die schafi'itschen Rechtsschule ist keine unabhängige, eigenständige in dem Sinne, dass sie nur ein Tor ist, durch welches der Muslim zur Scharia Allahs tritt. Wenn er also durch dieses Tor schreitet, so befindet er sich in den Weiten der Gesetzgebung Allahs und seine Gebetswaschung ist gültig gemäß der Sicht der Gesetzgebung Allahs. Wenn er nun eine Frau berührt (nicht im übertragenen Sinne), dann ist seine Gebetswaschung nach Imam Abu Hanifa immer noch gültig, also gemäß des islamischen Rechts, denn die hanafitische Rechtsschule ist ein Teil des islamischen Rechts und nicht etwas, was diesem zuwiderläuft.
  • Das Erlaubtsein der Zusammenflickung aufgebaut auf der Überzeugung von Belegen, für diejenigen, welche zu dieser Überzeugung fähig sind beim gleichzeitigen Verbot für die einfachen Muslime, würde bedeuten, dass eine und dieselbe Sache für den einen erlaubt und für den anderen verboten wäre. Dies ist jedoch bezogen auf das islamische Recht nicht korrekt, da es bekannterweise zu seinen Eigenschaften zählt, dass es allgemeingültig ist. Das Erlaubte in ihm ist also erlaubt für alle, wie auch das Verbotene in ihm verboten für alle ist.
  • Zu den Gelehrten, welche das Erlaubtsein der Zusammenflickung sahen gehören At- Tarsuusiy الطرسوسي, Abu As- Suuud أبو السعود, Ibn Nadschiem ابن نجيم, Abu Arafah Al- Maalikiy ابن عرفة المالكي sowie Al-Adawiy6 العدوي.

Das Zusammenflicken um Erleichterungen herauszusuchen

Es mag sein, dass es unter Muslimen solche gibt, welche sich nur Erleichterungen und ungewöhnliche Aussagen der Gelehrten unter den Rechtsschulen bzw Rechtsgelehrten herauspicken wollen um an Erleichterungen zu kommen, welche ihnen so eigentlich nicht zustehen oder aber eben aus Spielerei heraus. Kann dies erlaubt sein?

Die Mehrheit der Gelehrten lehnt diese Art von Zusammenflickung ab, da sie sich nach den Gelüsten richten würde, etwas, was im Islam verboten wurde. Ibn Abd Al- Barr ابن عبد البر überlieferte diesbezüglich zwar einen Konsens unter den Gelehrten bezüglich des Verbots dieser Art von Zusammenflickung, jedoch besteht dieser Konsens in Wirklichkeit nicht.

Einige Gelehrten sprachen davon, dass es erlaubt ist, sich unter den Rechtsschulen das jeweils Einfachere herauszusuchen, da es nichts im islamischen Recht geben würde, was dies wirklich verbieten täte. Kamal ibn Hammaam الكمال بن الهمام sagt in seinem Buch At- Tahrier التحرير aus: „Der Befolgende mag demjenigen folgen, dem er folgen möchte, auch wenn der einfache Muslim sich die Aussagen unter den Gelehrten aussucht, welche ihm am Angenehmsten sind. Ich kenne keine Argumente, weder logischer noch religiöser Natur, welche dies verbieten würden. Die Tatsache, dass ein Mensch dem von den Aussagen der Rechtsgelehrten folgt, welchen der Idschtihaad erlaubt ist, ist aus meiner Sicht nicht sündhaft. Weiterhin liebte der Prophet (saw) die Erleichterung für seine Ummah."

Meiner Auffassung nach besteht kein Unterschied innerhalb der islamrechtlichen Urteile was Erleichterndes oder Erschwerendes anbetrifft, solange die islamrechtlichen Urteile eine korrekte Beweisführung haben. Wenn die Zusammenflickung im Grunde genommen erlaubt ist, so ist sie es auch in Bezug auf die Zusammenflickung bestehend aus Erleichterungen, solange diese ihre Beweise haben. Wenn allerdings keine Notwendigkeit oder Entschuldigung dafür besteht, so möge hier angeführt werden, dass dies unerwünscht (makruuh) ist. Wenn hingegen Notwendigkeit oder Entschuldigung besteht, so ist dies erlaubt, ohne Anteile der Unerwünschtheit. Denn vom Propheten (saw) ist bekannt, dass er „nie zwischen Angelegenheiten auswählte, ohne die leichtere ausgewählt zu haben, solange keine Sündhaftigkeit bestand.7" Dies gilt, da dem Muslim grundsätzlich offensteht, zwischen den einzelnen Meinungen der Rechtsgelehrten auszuwählen und sich innerhalb dieser Meinungen – InshaAllah – keine Sünde befindet.

Die Zusammenflickung, wie wir an dieser Stelle festhalten wollen, findet nur in den Angelegenheiten des Idschtihaads statt. Im Bereich der Grundfeste der Religion, der bereits deutlich entschiedenen Angelegenheiten, gibt es weder Zusammenflickung noch Erleichterungen. Auch ist hinzuzufügen, dass wenn Zusammenflickung oder Befolgung von Erleichterungen zu etwas Verbotenem führt, sie ebenfalls verboten ist. Dinge wie das Trinken von Alkohol oder Unzucht können niemals erlaubt werden, nicht durch Zusammenflickung und nicht durch Erleichterungen.


I.I.S. e.V.

Text von Schaikh Faisal Maulawi (r): Taysier Fiqh Al Ibadaat

Übersetzung: Mohamed Johari

FfM, 23.11.2011

1 Aus Taysier Fiqh Al Ibadaat von Scheich Feisal Maulawi. Scheich Feisal Maulawi war einst religiöses Oberhaupt der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Europa und ehemals Berater im obersten Schariagericht der Sunniten in Beirut/Libanon.

2 Siehe das Buch Qawaa-id Al- Ahkaam (Regeln der Urteile) von Al- Iss ibn Abdussalaam

3 Dieser Begriff kann neutral im Sinne von Zusammenflickung Verwendung finden wie auch wertend im Sinne von Verfälschung und Erdichtung.

4 Siehe das Buch At- Tahrier von Kamal ibn Hammaam, Al-Ahkaam fie Usuul Al-Ahkaam von Al. Aamidiy und Qawaa-id Al- Ahkaam (Regeln der Urteile) von Al- Iss ibn Abdussalaam, sowie weitere Usuul- Bücher

5 Dieser Begriff kann neutral im Sinne von Zusammenflickung Verwendung finden wie auch wertend im Sinne von Verfälschung und Erdichtung.

6 Siehe das Buch Usuul- Al- Fiqh von Wahbah As- Sahieliy.

7 In verschiedenen Versionen zu finden bei Bukhari, Muslim, Ahmad, Al- Muwattaa'