„Ausländer-Kriminalität“ –
Die Inszenierung einer Gefahr

„Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wenn sie arbeiten sollte. (...) Sie widersprechen ihren Eltern und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Wohl alle, die diese Beschreibung lesen, mögen dem Zustimmen und erwarten, dass dieses Zitat von einem Sozialarbeiter oder einem Lehrer aus der heutigen Zeit stammt - weit gefehlt. Sokrates kam seinerzeit zu dieser Beobachtung und lässt die Unsrigen Hoffnung schöpfen: Es wird nicht immer alles schlimmer, sondern jede Zeit kann das Beste (versuchen) für sich zu gewinnen.

Dazu müssen wir jedoch bereit sein, die wirklichen Ursachen für soziale Schwierigkeiten, wie z.B. Armut, Kriminalität, eine entwurzelte Jugend und die viel beklagte Bildungsmisere anzuerkennen - und eben nicht aus Bequemlichkeit Sündenböcke auszumachen und heranzuziehen.

Nun kommen wir zur eigentlichen Frage dieses Artikels: Wie verhält es sich mit der Kriminalitätsrate unter Nichtdeutschen und speziell den Jugendlichen unter ihnen? Was sagen die viel zitierten Statistiken nun wirklich aus? Rechtfertigen diese Forderungen wie „Warnschussarrest“, die Anhebung der Höchststrafe für Jugendkriminalität von 10 auf 15 Jahren, die konsequente Anwendung des Erwachsenenstrafrechts bei allen Tätern über 18 Jahren und eine schnellere Abschiebung von kriminellen ausländischen Jugendlichen? Diese Verschärfungen wurden damals medienwirksam im Vorfeld der Hessischen Landtagswahlen von der Union gefordert.1

Lassen wir zunächst die Zahlen für sich sprechen: 2006 besaßen 22,0 % der von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Damit wäre der Anteil der Nichtdeutschen an den Tatverdächtigen „rein rechnerisch“ 2,5 mal höher.2 Ist dies schon das Ende der Diskussion? Für den Anteil in der einfachen Bevölkerung sowie in einigen politischen Kreisen, der aus verschiedenen Gründen einen Sündenbock willkommen heißt, leider „Ja“. Die einfache Logik dieser Gedankenkette:

Diagnose: Kriminalität- Ausländer- Muslime- Therapie: Härtere Strafen- Verringerung der Zuwanderung- Abschiebung

Betrachtet man jedoch die Hintergründe und Zusammenhänge der Statistiken, kommt man jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis, welche gesellschaftspolitisch andere verantwortliche Faktoren (und Personen) benennt und deswegen auch andere Lösungswege aufzeigt:

Zunächst muss eingehend festgestellt werden, dass die polizeiliche Kriminalstatistik eine Tatverdächtigenstatistik im Gegensatz zu einer Verurteiltenstatistik ist. Dies muss vor allem vor dem Hintergrund beachtet werden, dass das Anzeigeverhalten innerhalb der Mehrheitsbevölkerung gegenüber Minderheiten global gesehen immer sensibler ist als gegenüber der eigenen Bezugsgruppe.3 Das bedeutet für Hänschen eine Standpauke und für Orhan „die volle Härte des Gesetzes.“

Weiterhin muss man die Statistiken dahingehend bereinigen, dass man die nichtdeutsche Wohnbevölkerung von anderen Nichtdeutschen trennt, denn erstere müssen Untaten der Letzteren auf ihren Rücken austragen. So stellt die „Bundeszentrale für politischen Bildung in diesem Zusammenhang fest:

„Ein Viertel bis ein Drittel der Ausländer, die in der Kriminalstatistik erscheinen, sind dagegen Touristen, Illegale und alle, die ausschließlich zum Zweck ungesetzlicher Taten (Diebstahl, Raub, Drogenhandel, Prostitution und Zuhälterei, Schmuggel) ins Land einreisen. International operierende Verbrecherbanden können allenfalls in vordergründiger demagogischer Absicht mit den Ausländern verglichen werden, die zum Teil in dritter Generation in Deutschland leben.“4

Stationierungsstreitkräfte sowie deren Angehörige, Durchreisende und Pendler gehören ebenfalls zu den Gruppen, deren Kriminalität zu Unrecht auf die hiesige nichtdeutsche Wohnbevölkerung in einigen Artikeln angerechnet wird.

Das Bundeskriminalamt fasst weitere 6 Verzerrungsfaktoren zusammen, welche die nichtdeutsche Wohnbevölkerung in der PKS auffällig werden lässt:

Die sich in Deutschland aufhaltenden Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sind im Vergleich zur deutschen Bevölkerung im Durchschnitt jünger (1) und häufiger männlichen Geschlechts (2). Sie leben häufiger in Großstädten (3), gehören zu einem größeren Anteil unteren Einkommens (4) - und Bildungsschichten (5) an und sind häufiger arbeitslos (6). Dies alles führt zu einem höheren Risiko, als Tatverdächtige polizeiauffällig zu werden.“5

Diese Hintergründe werden nur allzu gerne von reißerischen Medien zwecks Auflagensteigerung/ höheren Einschaltquoten- oder aber aus ideologischen Gründen- ignoriert. So berichtet Spiegel Online beispielsweise am 23. Januar 2008 über die Trend- Droge Tilidin und bringt diese mehrfach undifferenziert mit dem Islam und den Muslimen in Verbindung. Tilidin ist ein Schmerzmittel aus der Krebstherapie, das euphorisch macht sowie Hemmungen fallen lässt und deswegen gerne von jugendlichen Kriminellen eingenommen wird.

Der Artikel legt dem Leser nahe, dass diese Droge vor allem deswegen von gläubigen Muslimen (an anderer Stelle werden auch „Araber“ aufgeführt) eingenommen wird, da Medikamente - anders als Alkohol, Heroin und Cannabis - nicht grundsätzlich verboten seien.6

„Weil die Araber und Muslime sind, deswegen nehmen die Tilidin und sind kriminell“ ist die gefährliche Logik, die mit solchen Scheinanalysen vermittelt werden. Dies indem Verweise auf die Religion und Herkunft der Täter in keinen soziologischen Rahmen gesetzt werden und somit nur diskriminierend wirken können.

Solche scheinhaften Hintergründe zu fabrizieren bzw. ihnen unwidersprochen Raum zu geben, bedeutet nicht nur Unkenntnis gegenüber den psychosozialen Hintergründen von Kriminalität, sondern auch gegenüber dem Islam. Zu den unbezweifelten Geboten des Islams gehört ein striktes Ablehnen gegenüber allem Berauschendem, da der Prophet Muhammad - Friede sei mit ihm und auf allen Propheten - unmissverständlich sagte:

„Alles Berauschende ist verboten.“
(Überliefert in der Sammlung von Muslim)

Eine Weisheit, die Úthmaan überlieferte, lautet: „Bleibe vom Berauschenden fern, denn es ist eine Tür zu allem Übel!“ (Überliefert in der Sammlung von Beihaqi)

Zusammengefasst: In Bezug auf erhöhte Kriminalitätsstatistiken unter Menschen mit Migrationshintergrund ist es nur folgerichtig, wie der Bericht der Polizeilichen Kriminalstatistik, zu folgendem Urteil zu kommen.

„Die Kriminalitätsbelastung der Deutschen und Nichtdeutschen ist zudem aufgrund der unterschiedlichen strukturellen Zusammensetzung (Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur) nicht vergleichbar.“7

Als abschließender Bereinigungsfaktor müssen noch die Verstöße gegen Ausländer- oder Asylrecht, die von Deutschen gar nicht begangen werden können, abgerechnet werden. Jede vierte Straftat von Nichtdeutschen betrifft Verstöße gegen Ausländer- oder Asylrecht, die von Deutschen gar nicht begangen werden können.8

Bezogen auf die mediale Hysterie welche die „Gefahr der Ausländerkriminalität“ als immer bedrohlicher stilisierten, ist die Tatsache entgegenzusetzen, dass der Anteil der Nichtdeutschen unter den Tatverdächtigen seit Jahren rückläufig ist.9

Sogar wird den hier länger lebenden Nichtdeutschen insgesamt ein besseres Zeugnis ausgestellt:

„Als Ergebnis einer differenzierenden Auswertung der Kriminalstatistik ergibt sich, dass die Kriminalität der ausländischen Wohnbevölkerung (Arbeitsmigranten) gegenüber vergleichbaren deutschen sozialen Gruppen geringer ist. Ausländer, die ständig in Deutschland leben, sind also gesetzestreuer als Deutsche in gleicher sozialer Position.“10

Auf der anderen Seite der Medaille fällt der Vergleich zwischen den nichtdeutschen und deutschen Jugendlichen für erstere schlechter aus. Von Experten wird dies vor allem mit der Erfahrung innerfamiliärer Gewalt, gravierende soziale Benachteiligungen der Familie und schlechte Zukunftschancen der Jugendlichen aufgrund ihres niedrigen Bildungsniveaus erklärt. Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen kommen zum Schluss:

„...dass unsere Gesellschaft immer mehr in Gewinner und Verlierer zerfällt. Und zu den Verlierern gehören vor allem junge Migranten, die in Deutschland unter Bedingungen sozialer Benachteiligungen aufwachsen.“11

Fazit: Nach tiefer gehender Betrachtung erweist sich folgende Gedankenkette als realitätsnaher:

Diagnose: Kriminalität - Soziale Schwierigkeiten - Versagen der Bildungs- und Integrationspolitik.

Therapie: Verbesserte Sozial- Bildungs- und Integrationspolitik.

Folgende Statistik12 begründet warum Deutschland im Internationalen Vergleich zum Schlusslicht in Bezug auf Integrationsleistungen und Chancengleichheit gehört.

Insgesamt Deut. Ausl.
Ohne Hauptschulabschluss 9,1% 8,2% 19,5%
Mit Hauptschulabschluss 25,5% 24,1% 40,8%
Mit Realschulabschluss 40,2% 41,2% 28,8%
Mit Fachhochschulreife 1,3% 1,3% 1,5%

Quelle: www.statistik-bund.de/basis/d/biwiku/schultab16.htm in: http://www.turkischweb.com/D-Migration/seite96.htm

Hier liefern uns die PISA- Studien reale Vorbilder vor allem in Skandinavien und Kanada. Letztgenanntes Land leistet bei einer höheren Einwanderungsquote bessere Bildungs- und damit auch effizientere Integrationspolitik. Diese auch in Deutschland zu „integrieren“ würde eine gesteigerte Lebensqualität und mehr sozialen Frieden bedeuten. Der Preis dafür wäre nur die Verabschiedung von einer polarisierenden Weltsicht und das Eingestehen teils unbequemer Tatsachen.

Muslime in Deutschland auf der anderen Seite müssen jedoch auch aus ihrer Opferhaltung und Verantwortungsabweisung herausfinden und ihren möglichen Beitrag für eine gerechtere und harmonischere Gesellschaft leisten. Soziales Engagement ist gerade von Muslimen wichtig, da diese auch einen besseren Zugang zu den muslimischen Bedürftigen im psychosozialen Bereich haben.

Autor: Mohammed Johari, Diplom- Sozialpädagoge


1 http://de.wikipedia.org/wiki/Jugendkriminalit%C3%A4t

2 PKS Berichtsjahr 2006

3 http://www.bnr.de/aktiv/argumentegegenrechts/kriminalitaet/

4 http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=KFXDV0

5 http://de.wikipedia.org/wiki/Ausl%C3%A4nderkriminalit%C3%A4t

6 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,529907,00.html

7 PKS Berichtsjahr 2006

8 http://www.bnr.de/aktiv/argumentegegenrechts/kriminalitaet/

9 ebd.

10 http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=KFXDV0

11 http://www.bnr.de/aktiv/argumentegegenrechts/kriminalitaet/

12 www.statistik-bund.de/basis/d/biwiku/schultab16.htm in: http://www.turkischweb.com/D- Migration/seite96.htm